Blutdruckmessgeraet

Warum mehr EDV nicht unbedingt Lösungen für Ihre Praxis bringt

Von Sophia Freynhofer


Terence McKenna

 

Wenn Sie keinen Plan haben, werden Sie Teil des Plans eines anderen.


Sicherlich, Patientenkarteien und Abrechnungsdaten werden in Arztpraxen heutzutage ausschließlich elektronisch geführt und bearbeitet. EDV (elektronische Datenverarbeitung) erleichtert den Arbeitsalltag – und kaum ein Praxisinhaber oder eine Praxisinhaberin kann sich mehr vorstellen, diese Tätigkeiten händisch und auf Papier durchzuführen.

Allerdings gibt es in den letzten Jahren immer mehr neue EDV-basierte Systeme und Prozesse, die von Politik und Versicherungsträgern vorgeschrieben werden, und die die Arbeit oftmals eher erschweren statt erleichtern – zumindest anfänglich. Die Neuerungen kommen oft mit eigenen Ineffizienzen, und müssen erst in den Praxisalltag integriert werden. Zu dieser Belastung kommen immer neue Dokumentationspflichten und Anforderungen betreffend die Sicherheit der Patienten- und persönlichen Daten, eine allgemeine Zunahme von Bürokratie, und insgesamt steigende Belastung, unter anderem durch steigende Patientenzahlen.

Bei der Reaktion auf diese Gesamtlage gibt es zwei Denkrichtungen. Die eine Richtung vertritt, dass Belastungen und Ineffizienzen exogen sind, und man daher in der Praxis einfach damit leben müsse („Man kann die Prozesse der Krankenkassen nicht verbessern.“). Die andere Richtung vertritt, dass ein genügend großes Investment in neue und besonders intelligente Informations- und Kommunikationstechnologie die einzige Lösung und das Allheilmittel sei. Neue Technologien könnten bürokratische Prozesse integrieren und automatisieren und so zu Entlastung von nicht-ärztlichen Tätigkeiten führen. E-Gesundheitsdienste könnten auch den Kontakt mit den Patienten effizienter gestalten, etwa durch digitales Monitoring und Online-Kontakte im Rahmen von Diagnose und Therapie.

Findige Technologie-Anbieter bestätigen dies gerne. Warum aber mehr Technologie wahrscheinlich nicht die beste Lösung für Ihre Praxis ist, und was Sie stattdessen tun können, um immer neuen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen, ist Thema dieses Artikels.

Garbage In, Garbage Out („Mist rein, Mist raus“)

Garbage in, garbage out (GIGO) ist ein scherzhafter Ausdruck, der ursprünglich aus der Informatik stammt. Er drückt aus, dass ein Rechner (Computer) höchstwahrscheinlich eine ungültige oder nicht aussagekräftige Ausgabe produziert, wenn die Eingabe ungültig oder nicht aussagekräftig ist. Der Rechner ist dazu da, Informationen zu verarbeiten. Wenn die gefütterte Information Mist ist, kann der Rechner nicht von sich aus Gold daraus machen.

Selbst wenn Sie in Ihrer Praxis eine potente Software haben, die, zum Beispiel, Karteieinträge in relevante Abrechnungsdaten konvertiert und automatisch an die unterschiedlichen Krankenversicherungsträger übermittelt, kann die Software diesen Prozess nur korrekt durchführen, wenn die ursprünglichen – menschlichen – Einträge in die Kartei sauber und korrekt sind. Es ist an dieser Stelle, an diesem Kontaktpunkt zwischen Mensch und Maschine, wo es am öftesten hapert, wo Mist ins System gestreut wird.

Das kann vielerlei Gründe haben: Vielleicht wechseln die Mitarbeiter zu oft und sind daher nicht ausreichend geschult, vielleicht sind die Verantwortungsbereiche und Abläufe nicht ausreichend klar und definiert, sodass Tätigkeiten durch den Rost fallen, vielleicht gibt es zu viel Stress in der Praxis und die Ärztin nimmt sich deshalb nicht ausreichend Zeit für die relevanten Kartei-Einträge. Diese „organisatorischen Misthaufen“ müssen beseitigt werden, bevor zusätzliche technologische Investitionen große zusätzliche Erleichterungen bringen können.

Bestehende Kapazitäten verstehen und nutzen

Sind Sie vertraut mit allen Funktionalitäten, die ihre momentane Hard- und Software bietet? Nutzen Sie Ihre aktuelle Informations- und Kommunikationsinfrastruktur voll aus?

Hersteller von Software, so auch Praxis-Software, entwickeln meist Software-Pakete, d.h. Bündel von integrierten Funktionalitäten, die auf einer Reihe von Anforderungen und Abläufen einer bestimmten Anwendergruppe basieren. Gewisse individuelle Adaptionen sind meist möglich – etwa gibt es Basis-, Standard- und Premiumpakete. Dennoch bietet die IT-Infrastruktur Ihrer Praxis mit hoher Wahrscheinlichkeit zusätzliche Möglichkeiten Arbeitsabläufe zu unterstützen und zu automatisieren, die Sie noch gar nicht entdeckt haben. Es macht Sinn, sich erst einmal durch alle Module und Möglichkeiten „durchzuklicken“ – und gegebenenfalls den Software-Anbieter um zusätzliche Schulungen zu bitten – bevor Sie über irgendwelche zusätzlichen Investitionen nachdenken.

Zusätzliche Möglichkeiten und zusätzliche Pflichten

Technologie-unterstützte Medizin wird gewiss umfassende Verbesserungen und Erleichterungen bringen – für Patienten und Ärzte. Im Moment allerdings hinken Politik und Regulatoren noch hinterher, und es gibt noch kein Rahmenwerk, das sicherstellen könnte, dass neue Anbieter und Angebote den Ansprüchen an Vertraulichkeit und Fairness genügen, die die medizinische Grundversorgung an sie stellt. Welche rechtlichen und technischen Mindeststandards müssen etwa erfüllt werden, wie wird sichergestellt, dass Anwendungen Patienten-orientiert und nicht Industrie-getrieben sind, wie eine strukturierte Datenübergabe- bzw. Übernahme zwischen Applikationen gewährleistet? Abgesehen davon bringt jede Form der Datenverarbeitung neue Anforderung an Datensicherheit und Dokumentationspflichten.

Als Praxis-Chef oder -Chefin müssen Sie zwar nicht alle technischen Details verstehen und nicht alle Aufgaben in Bezug auf IT-Sicherheit selbst ausführen, wohl aber stehen Sie in der Verantwortung. Sie müssen sich deshalb umfassend informieren, und informiert und verlässlich auswählen und delegieren.

Angebotszentriert vs. nachfragezentriert

Technik ist nur ein Teil einer technologischen Lösung. Mindestens so wichtig für die tatsächliche Relevanz einer Lösung ist, ob die Perspektive und die Bedürfnisse des Anwenders in ihrem Zentrum stehen, und ob sie flexibel genug ist, um in bestehende Infrastruktur und Prozesse integriert zu werden. Generell ist die technologische Entwicklung im Gesundheitsbereich eher angebotszentriert – d.h. IT-Anbieter entwickeln ein neues Produkt, und Ärzte wählen aus dem bestehenden Angebot aus. Häufig führt das allerdings zu dem Gefühl, dass das Preis-Leistungsverhältnis nicht passt, einem Gefühl von Abhängigkeit und zu einer mangelnden eigenverantwortlichen Übernahme und suboptimalen Nutzung von Seiten der Ärzteschaft.

Wenn Technologie eine Unterstützung mehr als eine lästige notwendige Ausgabe sein soll, müssen Praxis-Chefs und -Chefinnen das Ruder übernehmen. Das fängt an mit einer Zukunftsvision, die auch definiert, welche Rolle Technologie in der Praxis von morgen spielen soll, gefolgt von einer Analyse der Vorgänge und Tätigkeiten des Betriebs: Wo gibt es Redundanzen, wo gibt es Integrationsschwierigkeiten, wo gibt es Lücken und an welchen Stellen genau kann Technologie Arbeit erleichtern und helfen, zusätzliche geplante Services anzubieten? Erst nachdem Sie ganz genau definiert haben, an welchen Stellen Ihnen ein mehr an Technologie hilfreich sein kann um Ihre Vision zu erreichen, können Sie ein „Aufgabenheft“ erstellen, das Ihnen als Kriterium und Leitfaden, zur Einholung von Angeboten und bei der Auswahl eines Anbieters dienen kann.

In einem Aufgabenheft wird jede Anforderung, jeder einzelne Schritt in den Funktionsabläufen bei der Nutzung eines Informations- und Kommunikationssystems definiert. Gemeinsam mit einigen fundamentalen Verhaltensweisen beim Umgang mit IT-Dienstleistern ist die Ausarbeitung dieses Heftes sehr wichtig, denn alles, was unscharf oder nicht definiert ist, wendet sich gegen den Arzt und Auftraggeber: Durch Mehrkosten, niedrige „Usability“ oder – im schlimmsten Fall – Fehler oder Schäden.

Über die Autorin

Sophia Freynhofer

Associate Partner - Schweiz

Sophia hat ihre Kompetenz im öffentlichen und privaten Sektor entwickelt, wo sie dank ihres unbändigen Drangs nach Fortschritt, der Fähigkeit Beziehungen aufzubauen und ihrer frischen Ideen wichtige Innovationen im Bereich Strategie und Marketing realisieren konnte. Das menschliche Gehirn und Verhalten zu verstehen, und durch dieses Verständnis kollektiven Fortschritt und bessere Ergebnisse in ihren Fachgebieten zu ermöglichen, ist ihre Leidenschaft – persönlich und professionell. Sie liebt auch Tanzen und Sport im Freien.

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